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30 Jahre UBiZ - Interview mit Bettina Stroh |   Blog

Das Jahr 2021 ist ein ganz besonderes für das UmweltBildungsZentrum – genau vor 30 Jahren öffnete das UBiZ in Oberschleichach seine Türen.

30 Jahre Bildung mit Kopf, Herz und Hand

Das Jahr 2021 ist ein ganz besonderes für das UmweltBildungsZentrum – genau vor 30 Jahren öffnete das UBiZ in Oberschleichach seine Türen. Zunächst auf Probe – schnell war aber klar, dass eine solche Institution im Landkreis gewünscht und gebraucht wird. „Bitte unbedingt weitermachen!“, „Eine sehr wichtige Einrichtung!“, „Bitter notwendig!“ oder auch „Wo soll Bewusstseinsbildung stattfinden, wenn solche Räume fehlen?“ sind nur einige der zahlreichen Kommentare aus den damaligen Gästebüchern und spiegeln sich bis heute in den Rückmeldungen unserer Teilnehmer*innen wieder. 30 Jahre Bildungsarbeit und Bildung für Nachhaltige Entwicklung liegen hinter dem UBiZ, tausende Teilnehmende an mehreren tausend Vorträgen, Exkursionen, Workshops und Wanderungen rund um den Themenkomplex Umwelt-Natur-Mensch mit vielen herausragenden Kooperationspartnern und natürlich nicht zu vergessen etliche Modellprojekte, die durch die Unterstützung verschiedenster Zielgruppen aus dem Landkreis umgesetzt wurden. Natürlich hat sich auch das UBiZ in den Jahren stetig weiterentwickelt, von der klassischen Umweltbildung hin zu einer umfassenden Bildung für nachhaltige Entwicklung, durch die wir in einer immer komplexer
werdenden Welt auch immer komplexere Fragen beleuchten müssen und wollen. 30 Jahre Innovation, Bildung, Kooperation und Transformation in der Gesellschaft, wer könnte dazu aber besser berichten als die ehemalige Leiterin des UBiZ, Bettina Stroh, die wir an dieser Stelle sehr gerne zu Wort kommen lassen:

Bettina, Du hast Pädagogik studiert. Gab es einen persönlichen Bezug zum Thema Umweltbildung oder wie hast Du damals Deinen Weg zu diesem speziellen Bereich der Bildung gefunden?

Das Arbeitsfeld der Pädagogik sind u.a. die (Aus-)Wirkungen menschlichen Handelns innerhalb der Gesellschaft. Mich haben im Studium die Reflexion über solche Zusammenhänge wie auch die in Bezug auf Umwelt und Natur - besser Mitwelt - und die sich daraus ableitenden Handlungsempfehlungen interessiert. Wichtig war dabei die Interdisziplinäre Sichtweise und systemische Herangehensweise, die letztendlich Selbstwirksamkeit ermöglichen soll. Genau der richtige Rahmen, um Konzepte zu entwickeln, die gesellschaftliche Herausforderungen auf den eigenen Lebensalltag sozusagen herunterbrechen. Das haben wir später in der Bildungsarbeit im UBIZ versucht.

Wie kam es zur Idee, ein Umweltbildungszentrum in der Region und vor allem in dieser Form zu gründen?

Hier kamen mehrere positive Entwicklungen zusammen: ein sehr gutes Netzwerk mit Vertretern der Kommunalpolitik, Arbeitsverwaltung und Landkreisverwaltung. Der damalige Oberauracher Bürgermeister Siegmund Kerker wollte Ende der 1980er Jahre das ehemalige Dorfschulhaus mit in die große Dorferneuerungsmaßnahme in Oberschleichach nehmen. Dafür wurde in enger Abstimmung von Gemeinde, vhs und Landkreis ein Nutzungskonzept erarbeitet, mit dem die Sanierung auf den Weg gebracht werden konnte. Im Februar 1991 konnte das UmweltBildungsZentrum unter der Trägerschaft der Volkshochschule Landkreis Haßberge in Betrieb gehen und damit die Angebote der Umweltbildung bzw. der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BnE) im Landkreis Haßberge wesentlich verstärken und vertiefen. Für die Finanzierung wurden sämtliche Fördermöglichkeiten ausgeschöpft, der Landkreis sollte die ungedeckten Kosten übernehmen.

Allerdings gab es eine Besonderheit: Da während der Bauphase die Deutsche Einheit verwirklicht wurde, gab es in der Landkreisverwaltung daraufhin eine große Zurückhaltung, was zusätzliche finanzielle Bindungen anbelangte. Das UBiZ konnte zunächst nur auf Probe in Betrieb gehen.

Die Bürger*innen konnten sich damals ja direkt dazu äußern, ob das UBiZ nach der Probezeit weiter bestehen sollte -  die Einträge in den Gästebüchern von damals sind sehr eindeutig ausgefallen!

Ja, die Einrichtung des UBiZ wurde von den Bürgern sehr begrüßt und von Anfang an gut angenommen. Es war wirklich, als hätten viele genau darauf gewartet. Das war für die spätere Entscheidung über die Probezeit natürlich sehr wichtig. Um die Entscheidung für den Betrieb einer solchen Einrichtung bei der ganzen Landkreisbevölkerung, also über den Steigerwald hinaus, abzusichern, führte die Landkreisverwaltung während der Probephase eine Befragung der Bevölkerung zu Notwendigkeit und Akzeptanz des UBiZ durch. Die Befragung ging positiv aus, trotzdem wurde aus finanziellen Gründen die Probezeit nochmals verlängert. Erst 1993 war die Hängepartie beendet und das UBiZ konnte auf Dauer in Betrieb gehen.

Denkst Du, dass es spezielle Gründe gab, warum genau zu dieser Zeit diese Idee entstanden ist?

In der Zeit der Entstehung haben Schlagworte wie Waldsterben, Gewässerverschmutzung, Ölkrise, Umweltgifte die öffentliche Diskussion bestimmt.
Bereits 1972 erschien eine so wichtige Studie wie „Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit“ oder 8 Jahre später „Global 2000“, eine Studie, die die US-Regierung in Auftrag gegeben hatte. Beide Male wurden beobachtete Entwicklungen auf eine überschaubare Zukunft hochgerechnet und bewertet. 1987 erschien der als Brundtland-Bericht bezeichnete Bericht mit dem Titel ‚Unsere gemeinsame Zukunft‘, den die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen („Brundtland-Kommission“) veröffentlichte. Mit diesem Bericht wurde eine Definition des Begriffs nachhaltige Entwicklung bekannt gemacht, aus dem sich wiederum Handlungserfordernisse und Bildungsziele ableiten ließen.
Seit der Konferenz für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen (UNCED) in Rio de Janeiro 1992 ist nachhaltige Entwicklung“ zum Leitbild internationaler und nationaler Umweltpolitik geworden, und auch die Umweltbildung entwickelte sich immer mehr in Richtung der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) weiter.
Ich würde in der Rückschau sagen, die Zeit war da für eine vertiefte Beschäftigung mit der Eigenverantwortung des Einzelnen für so etwas wie Ressourcenverbrauch, Klimaerhitzung oder Artensterben.
Die Struktur der Volkshochschule mit der flächendeckenden Bildungsarbeit - organisiert über Außenstellen - war für ökologische Themen nicht optimal, denn für innovative Themen findet sich eher an zentralen Orten die notwendige Teilnehmerzahl. Insofern kam hier die Idee von zentralen Angeboten über das UBiZ genau zur richtigen Zeit.
Das UBiZ hat vom Themenangebot in vielen Bereichen Neuland betreten. Alleine wenn ich an das Konzept der Seminare zum ökologischen Bauen denke: jeder Bau- oder Sanierungswillige konnte sich darauf verlassen, dass zu jedem Thema, zu dem man im Verlauf des Hausbaus oder der Sanierung eine Entscheidung mit dem Architekten treffen muss, im Laufe eines Jahres eine Veranstaltung zu finden sein würde. So haben wir viel Pionierarbeit für baubiologische und bauökologische Belange in unserer Region geleistet.

Wie können wir uns einen typischen Tag im UBiZ vor 30 Jahren vorstellen? Gibt es Momente und Ereignisse, die für Dich besonders in Erinnerung geblieben oder besonders wichtig waren und sind?

Vieles, das heute selbstverständlich ist, war vor 30 Jahren zunächst vor allem Idealisten vorbehalten. So muss man sich heute keine solarthermische Anlage mehr selbst bauen. Da hat sich schon einiges getan. Allerdings standen manche Dinge schon damals zur Verfügung (spinnrad, Hobbythek), die man heute wieder neu entdeckt, wie z.B. die Unverpackt-Läden.

Eine Auswahl wichtiger Ereignisse:

1995 erhielt das UBiZ die Anerkennung als staatliche Umweltstation durch das Bayerische Umweltministerium.
2006 führte das Umweltministerium zur Stärkung der Bildung für nachhaltige Entwicklung und zur Sicherstellung hoher Qualitätsstandards in der Bildungsarbeit aller bayerischen Umweltbildungseinrichtungen das Qualitätssiegel "Umweltbildung Bayern“ ein, welches dem UBiZ seitdem immer wieder verliehen wurde.
Besonders schöne Erfolge waren die Errichtung zweier Lehrpfade (Lehrpfad Tretzendorfer Weiher und Pfad der Artenvielfalt), die in Kooperation mit der LebensregionPlus, den Gemeinden Oberaurach bzw. Rauhenebrach sowie den Bayerischen Staatsforsten und der Unteren Naturschutzbehörde entstanden sind. Besonders sind sie, weil sie noch Jahre später Wirkung haben und Familien oder Schulklassen anziehen.
2007 wurde die Einrichtung der Energieberatung für Bürger und Kommunen im Auftrag des Landkreises Haßberge dem UBiZ übertragen. Sie ist ein wichtiges Zusatzangebot zu den Veranstaltungen und wird seit einigen Jahren durch das Beratungsangebot zur Elektromobilität ergänzt.
Ansonsten waren für mich wichtige Momente besonders gelungene Veranstaltungen, die immer ein Gemeinschaftsprodukt sind von den Mitarbeitern des UBiZ und der vhs, von den Referenten und evtl. Kooperationspartnern. Schön zu sehen, wenn sich alle wohl gefühlt, wenn sie etwas Neues erfahren haben. So auch bei den vielen Tagen der offenen Tür, die jedes Jahr stattfanden. Sie brachten immer eine Vielzahl von interessanten und anregenden Themen für alle Altersgruppen - wie 2018, als wir einen kleinen Poetry Slam und einen Flashmob zum Thema Nachhaltigkeit hatten.

Du hast die Entwicklung der Umweltbildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung 30 Jahre miterlebt und auch mitgestaltet. Wie empfindest Du diese in der Rück- und auch Vorschau, besonders im Bezug auf Bildungseinrichtungen wie dem UBiZ?

Bildung für nachhaltige Entwicklung ist kein Selbstläufer. Sie braucht die (bildungs-) politischen Rahmenbedingungen, die engagierten Mitarbeiter brauchen den notwendigen Rückhalt. Wichtig war mir der Austausch mit den Kolleg*innen der anderen Umweltstationen und Umweltbildungseinrichtungen in Unterfranken und auch auf bayerischer Ebene. Da sind einige wichtige Meilensteine partizipativ mit Vertretern des Ministeriums erarbeitet worden, die wichtig für die Verankerung der Arbeit in ganz Bayern waren. Mindestens genauso wichtig ist die Zusammenarbeit mit den Akteuren vor Ort, mit Kooperationspartnern und der Zivilgesellschaft.

Welche Hauptaufgabe/besonderen Aufgaben erfüllen für Dich Umweltstationen wie das UBiZ?

Mit dem UNESCO-Weltaktionsprogramm Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), das bis 2019 ging, wollten die Vereinten Nationen Aktivitäten auf allen Ebenen und in allen Bereichen anstoßen und intensivieren, um den Prozess hin zu einer nachhaltigen Entwicklung weltweit zu beschleunigen.
In der jetzt laufenden Programmperiode „Bildung für nachhaltige Entwicklung – Mit BNE in die Zukunft“ sollen die 17 nachhaltigen Entwicklungsziele in den Fokus genommen werden. Dabei hat BNE das Ziel, das Leitbild der Nachhaltigkeit in den Köpfen und Herzen der Menschen zu verankern, um die aktuellen globalen Herausforderungen wie Klimaänderung, Artenverlust oder globale Gerechtigkeit zu meistern.
Die Hauptaufgaben der Umweltbildungseinrichtungen sind damit aus meiner Sicht definiert. Die Arbeit an der Transformation unserer Gesellschaft im Sinne einer Globalen Nachhaltigkeitsagenda gilt es zu operationalisieren und in partizipative Bildungsprojekte zu stricken. Dabei ist BNE auch politische Bildung, die ihren Teil zu einer nachhaltigen Regionalentwicklung beiträgt.

Apropos Aufgaben: Was würdest Du tun, um die Welt jetzt sofort etwas besser zu machen?

Früher hätte man gesagt: ein Apfelbäumchen pflanzen. Leider ist es so einfach heute nicht mehr. Jeder sollte bemüht sein, alle Bestrebungen, die für eine Transformation der Gesellschaft stehen und die Klimaänderung bekämpfen, zu unterstützen.

Gibt es etwas, dass Du uns für die nächsten 30 Jahre mit auf den Weg geben möchtest?

In 30 Jahren ist 2050. Aus heutiger Sicht kann man mit Karl Valentin sagen „Früher war sogar die Zukunft besser“… Wahrscheinlich werden wir Weltbürger schon verschiedene Kipppunkte beim Klima ausgelöst haben und mit den Auswirkungen leben müssen. Bis dahin heißt es, wann immer es um Nachhaltigkeit geht: Klotzen ist besser als Kleckern.
Ich wünsche Euch gute Ideen, Durchhaltevermögen und Mitstreiter, die dieselben Ziele haben. Macht Eure eigene Vision vom UBiZ wahr. Ich wünsche Euch allseits positives Wohlwollen und politische Unterstützung, falls ihr sie einmal braucht.

 

Natürlich mussten wir unsere eigentlichen Pläne für das Jubiläumsjahr den aktuellen Umständen anpassen.
Dennoch möchten wir mit dem Landkreis diese 30 Jahre gebührend feiern. Mit einzelnen besonderen kleineren Veranstaltungen, Aktionen und einem Festakt im Herbst 2021 möchten wir auch bei allen Beteiligten und den Bürger*innen „Danke“ sagen – lassen Sie sich überraschen!

Bettina Stroh

Bettina Stroh

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UmweltBildungsZentrum Oberschleichach

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